Pressespiegel


Hersfelder Zeitung vom 02.04.2026 Redaktion: Immanuel Dobrowolski
Leonie Kircher und Lee Lonsdale reisen elf Monate durch elf Länder. Die Weltreise finanzieren sie über ein Sabbatmodell und Hausvermietung.
Stärklos – Ein Jahr lang um die Welt reisen, mit zwei Kindern im Gepäck, den gewohnten Alltag hinter sich lassen – was für viele wie ein ferner Traum klingt, wird für Leonie Kircher (42) und ihren Partner Lee Lonsdale (50) aus Stärklos bald Realität. Die beiden Lehrer wollen gemeinsam mit ihren Kindern neue Perspektiven gewinnen, bewusst entschleunigen und Erfahrungen sammeln, die weit über klassischen Urlaub hinausgehen. Im Interview sprechen sie über Motivation, Organisation und die Herausforderungen eines solchen Projekts.
Frau Kircher, Herr Lonsdale, wer gehört zu Ihrer Familie?
Leonie Kircher: Wir sind im Alltag eine fünfköpfige Familie. Unsere gemeinsamen Kinder sind Amelie (7) und Neo (10). Außerdem gehört Emma (15) aus der früheren Beziehung von Lee dazu, die regelmäßig bei uns ist. Sie wird allerdings nicht mit auf Weltreise gehen, da sie sich mitten in einer entscheidenden Phase ihrer Schullaufbahn befindet.
Sie sind beide im Schuldienst tätig. Warum jetzt eine Auszeit?
Leonie Kircher: Weil wir gemerkt haben, dass wir sie brauchen. Der Lehrerberuf hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Anforderungen sind deutlich gestiegen, vieles ist komplexer geworden. Es geht häufig nicht mehr darum, den Beruf aktiv zu gestalten, sondern darum, den Alltag überhaupt gut zu bewältigen. Wir erleben das als sehr kräftezehrend. Die Reise ist für uns deshalb eine bewusste „große Pause“, um Abstand zu gewinnen, neue Energie zu schöpfen und Dinge neu einordnen zu können.
Wie entstand die Idee zur Weltreise?
Am Anfang stand tatsächlich das Sabbatjahr. Das haben wir schon vor fünf Jahren beantragt – ohne konkrete Vorstellung, wie wir diese Zeit nutzen wollen. Erst nach und nach hat sich die Idee entwickelt, die Auszeit für eine längere Reise zu nutzen. Vor etwa einem Jahr haben wir dann entschieden: Wir machen das als Familie und gehen auf Weltreise.
Wie finanzieren Sie ein solches Vorhaben?
Leonie Kircher: Das ist uns wichtig zu betonen: Wir haben kein großes finanzielles Polster angespart. Stattdessen nutzen wir ein Sabbatmodell. Das bedeutet, wir haben über mehrere Jahre hinweg auf einen Teil unseres Gehalts verzichtet und bekommen diesen Anteil jetzt ausgezahlt. Zusätzlich vermieten wir unser Haus.
Lee Lonsdale: Für die Flüge – insgesamt neun – haben wir rund 13.900 Euro eingeplant. Außerdem achten wir bewusst darauf, unterwegs möglichst kostengünstig zu reisen.
Welche Route haben Sie geplant?
Lee Lonsdale: Wir starten am 29. Juli. Die Reise führt uns zunächst nach Sri Lanka, dann weiter nach Thailand und Vietnam. Von dort geht es nach Singapur und Malaysia, anschließend nach Indonesien. Danach reisen wir weiter nach Neuseeland, Costa Rica, in die USA und nach Kanada. Insgesamt besuchen wir elf Länder in elf Monaten.
Wie viel Ihrer Reise ist festgelegt, wie viel spontan?
Die grobe Route steht, vor allem wegen der Flüge. Aber innerhalb der Länder bleiben wir flexibel. Wenn es uns irgendwo besonders gut gefällt oder etwas Unvorhergesehenes passiert, passen wir unsere Pläne an. Wir haben keinen Anspruch, alles „abzuarbeiten“. Im Gegenteil: Wir wollen bewusst langsam reisen und lieber weniger sehen, dafür intensiver.
Sie reisen mit schulpflichtigen Kindern. Wie funktioniert das?
Lee Lonsdale: Wir haben ein Konzept erarbeitet und dieses bei den Schulen eingereicht. Es wurde genehmigt. Geplant ist, dass wir täglich etwa eineinhalb Stunden Unterricht machen, mit Fokus auf Deutsch, Englisch und Mathematik. Wir nutzen die gleichen Lehrwerke wie die Schulen vor Ort, sodass die Kinder möglichst gut den Anschluss halten können.
Kann jede Familie so eine Lösung finden?
Leonie Kircher: Theoretisch ja, praktisch ist das nicht so einfach. Es hängt stark von der jeweiligen Schule und dem Konzept ab. Wir profitieren natürlich davon, dass wir selbst aus dem pädagogischen Bereich kommen. Ohne diese Erfahrung wäre es deutlich schwieriger, ein überzeugendes Konzept vorzulegen.
Was erhoffen Sie sich für Ihre Kinder von dieser Reise?
Leonie Kircher: Ganz viel. Sie werden andere Kulturen kennenlernen, neue Perspektiven gewinnen und erleben, wie unterschiedlich Menschen leben. Das ist eine Form von Bildung, die man im Klassenzimmer so nicht vermitteln kann. Gleichzeitig lernen sie, flexibel zu sein und sich auf neue Situationen einzustellen.
Wie haben Ihre Kinder auf die Pläne reagiert?
Leonie Kircher: Das war kein einmaliger Moment, sondern ein Prozess. Wir haben immer wieder darüber gesprochen und die Kinder mitgenommen in unsere Überlegungen. Uns war wichtig, dass sie sich damit wohlfühlen. Beide freuen sich sehr auf die Reise – auch wenn natürlich noch nicht alles greifbar ist.
Sie planen, Ihre Reise öffentlich zu begleiten. Was steckt dahinter?
Lee Lonsdale: Wir möchten einen Blog führen, zunächst vor allem für Familie und Freunde. Aber wir öffnen das bewusst auch für andere Interessierte. Es geht uns nicht darum, uns selbst darzustellen. Vielmehr möchten wir zeigen, was möglich ist – und vielleicht den einen oder anderen inspirieren, eigene Ideen umzusetzen. Perspektivisch können wir uns auch vorstellen, aus unseren Erfahrungen ein Buch zu machen.
Wie aufwendig ist die Vorbereitung für ein solches Projekt?
Leonie Kircher: Sehr aufwendig – aber nicht im Sinne von einmal intensiv planen, sondern eher als kontinuierlicher Prozess. Jeden Tag gibt es kleine Entscheidungen: von der Routenplanung über Impfungen bis hin zu ganz praktischen Dingen wie Ausrüstung oder Organisation zu Hause. Dazu kommen Themen wie Versicherungen, digitale Dokumente, die Vermietung des Hauses oder auch persönliche Verpflichtungen, die geregelt werden müssen.
Haben Sie Respekt oder sogar Angst vor der Reise?
Lee Lonsdale: Angst nicht. Respekt vielleicht vor dem Unbekannten, aber das gehört dazu. Unser Alltag fordert uns ebenfalls täglich heraus. Wir vertrauen darauf, dass wir als Familie gut mit Situationen umgehen können – egal, was kommt.
Was sagen Ihre Kolleginnen und Kollegen zu Ihrem Vorhaben?
Lee Lonsdale: Die Rückmeldungen sind überwiegend sehr positiv. Viele freuen sich für uns, stellen aber auch viele Fragen. Häufig hören wir den Satz: „Das ist mutig.“ So empfinden wir es selbst gar nicht. Für uns ist es vor allem eine Chance.
Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern mitgeben?
Leonie Kircher: Dass es sich lohnt, über den eigenen Alltag hinauszudenken. Man muss nicht gleich eine Weltreise machen. Aber es gibt oft mehr Möglichkeiten, als man glaubt. Uns geht es darum zu zeigen, wie vielfältig das Leben sein kann – und dass es sich lohnt, neue Wege zu gehen.