Bangkok, Koh Tao und die Sache mit der Wundversorgung bei tropischem Klima
Am 26. August flogen wir mitten in der Nacht nach Bangkok. Schlaf? Gab es kaum. Als wir ankamen, waren wir entsprechend fit wie vier überfahrene Wasserbüffel. Unsere erste Amtshandlung bestand deshalb nicht darin, einen Tempel zu besichtigen oder uns thailändisches Streetfood zu gönnen. Wir legten uns erst einmal am Bahnhof hin und versuchten, ein paar Stunden Schlaf nachzuholen.
Anschließend ging es mithilfe von Grab zu unserem gebuchten Hostel. Und auf der Fahrt bekamen wir einen ersten Eindruck davon, was Bangkok ausmacht: Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, Beton, Hochhäuser, dicht bebaute Straßen, Lärm und Abgase. Und natürlich Fahrzeiten, die einen gelegentlich darüber nachdenken lassen, ob man das Ziel zu Fuß nicht inzwischen schneller erreicht hätte.
Unser Hostel war sauber, und die Lage an der Sukhumvit Road erwies sich als praktisch, weil wir von dort aus vieles gut erreichen konnten. Einen kleinen Haken hatte die Sache allerdings: Wir hatten uns vor der Buchung nicht besonders intensiv mit der unmittelbaren Nachbarschaft beschäftigt. Und so landeten wir in einer Straße mit zahlreichen sogenannten „Massagesalons“.
Dort saßen sie dann vor ihren Geschäften: stark geschminkte thailändische Frauen, die vor allem ältere westliche Männer mit bemerkenswerter Überzeugungskraft in ihre Etablissements zu lotsen versuchten. Dazwischen alte weiße Männer, die offenbar ganz genau wussten, warum sie hier waren.
Wir hingegen waren mit zwei Kindern unterwegs, die natürlich wissen wollten, was es mit diesen Geschäften auf sich hatte. Also standen wir vor der pädagogischen Herausforderung, eine altersgerechte Erklärung für dieses Phänomen zu finden. Willkommen in Bangkok! Hier lernt man nicht nur etwas über buddhistische Tempel und thailändische Küche, sondern gelegentlich auch über die weniger romantischen Seiten des internationalen Tourismus.
Wir wollten den Kindern möglichst viele Facetten dieser Stadt zeigen. Also schlenderten wir durch luxuriöse Shoppingmalls, in denen man vermutlich problemlos das Monatsbudget einer durchschnittlichen Backpackerfamilie an einem Nachmittag ausgeben könnte. Gleichzeitig erkundeten wir die weniger herausgeputzten Ecken, aßen an Garküchen und beobachteten das geschäftige Treiben auf den Straßen.
Was uns auffiel: Bangkok wirkte auf uns insgesamt sauberer als bei unserem letzten Besuch. Dafür gab es gefühlt an jeder Ecke Cannabisläden. Als wir vor zwölf Jahren hier gewesen waren, gehörten diese jedenfalls noch nicht zu unserem Bangkok-Bild.
Trotz aller spannenden Eindrücke wurde uns aber auch diesmal klar: Bangkok ist faszinierend, vielfältig und voller Leben. Nur ist eine riesige, laute Metropole mit ihren Abgasen, dem Verkehr und der dichten Bebauung für uns als naturverbundene Familie nicht unbedingt der Ort, an dem wir uns wirklich wohlfühlen. Wir mögen es dann doch lieber grün, ruhig und mit etwas mehr Platz zwischen uns und dem nächsten Motorroller.
Am Abend des 28. August ging es weiter. Mit dem Nachtbus fuhren wir Richtung Chumphon und von dort mit der Fähre nach Koh Tao. Eine Kombination, die auf dem Papier nach effizienter Reiseplanung klingt. In der Praxis bedeutete sie vor allem: wieder eine Nacht mit kaum Schlaf.
Wir haben inzwischen festgestellt, dass wir als Eltern nächtliche Reisen nicht so souverän wegstecken, wie wir uns das wünschen würden. Umso größer war die Freude, als wir früh morgens endlich mit der Fähre am Pier auf Koh Tao ankamen.
Wir suchten uns Frühstück, und es gab auf der Karte tatsächlich Porridge. Warmes, weiches Porridge. Nichts Weltbewegendes, sollte man meinen. Aber nach einer schlafarmen Nacht und einer langen Fahrt fühlte sich diese Schüssel Haferbrei an wie eine kleine kulinarische Umarmung.
Koh Tao, die kleine Insel im Golf von Thailand, ist ungefähr 21 Quadratkilometer groß und bekannt für ihre zahlreichen Buchten, schönen Strände und hervorragenden Möglichkeiten zum Tauchen und Schnorcheln.
Bevor Neo geboren wurde, waren wir schon einmal hier. Es war für uns spannend, an einen Ort zurückzukehren, den wir noch aus einer ganz anderen Lebensphase kannten.
Wir checkten wieder in einem Hostel ein und hatten uns inzwischen erstaunlich gut daran gewöhnt, Badezimmer und Toiletten mit anderen Reisenden zu teilen. Was zu Hause vielleicht nicht unbedingt unser bevorzugtes Wohnkonzept wäre, funktioniert für uns auf Reisen erstaunlich gut. Hostels haben außerdem oft eine freundliche, unkomplizierte Atmosphäre. Man kommt miteinander ins Gespräch, die Kinder finden schnell Anschluss, und häufig gibt es abends gemeinsame Aktivitäten. Bei uns standen Livemusik, Barbecue und Billard auf dem Programm. Besonders Letzteres hatte es Neo und Amelie angetan.
Tagsüber erkundeten wir die verschiedenen Strände der Insel. Koh Tao ist klein genug, um viele Buchten kennenzulernen, und abwechslungsreich genug, dass sich jede Fahrt lohnt.
Wir schauten uns Mae Haad, Sairee Beach, Chalok Baan Kao, Hin Wong Bay, Tanote Bay und weitere Buchten an. Wir schnorchelten mit Amelie, beobachteten die beeindruckende Unterwasserwelt und freuten uns über die Vielfalt der Insel. Dabei begegneten wir sogar Schwarzspitzen-Riffhaien – ein Erlebnis, das uns wieder einmal daran erinnerte, wie faszinierend die Natur hier ist.
Neo konnte wegen seiner schlecht heilenden Wunde leider nicht ins Wasser. Er besorgte sich meistens ein Kajak und paddelte in den Buchten herum.
An vielen Stränden fiel uns auf, wie selbstverständlich von einer Vielzahl von Menschen Cannabis konsumiert wird. Passivrauchen war schon mal schwerer.
Das Thema, das uns auf Koh Tao jedoch am meisten beschäftigte, war Neos Knie. Seine Wunde heilte einfach nicht richtig. Auch eine weitere Wunde am Fußgelenk machte uns Sorgen. Was zunächst nach einer gewöhnlichen Verletzung ausgesehen hatte, entwickelte sich zu einem ernsthaften Problem.
In Deutschland wäre die gewohnte Prozedur wie folgt: Kinder schürfen sich die Knie auf, reinigen, vielleicht ein Pflaster, trösten, weiter geht’s.
Hier mussten wir uns viel intensiver mit der Wundversorgung auseinandersetzen. Dabei sind die regelmäßige und gründliche Reinigung mit steriler Kochsalzlösung, eine geeignete Abdeckung der Wunden und eine Versorgung der Wunden über einen viel längeren Zeitraum wesentlich wichtiger.
Zum Glück besserte sich Neos Zustand, und wir konnten erst einmal aufatmen. Wir waren erleichtert, dass sein Körper die Infektion offenbar in den Griff bekam. Gleichzeitig war uns bewusst geworden, dass wir kleine Verletzungen auf unserer Reise keinesfalls unterschätzen dürfen.
Eine besonders reizvolle Seite des Reisens ist ja, dass man ständig neue Orte und Kulturen kennenlernt. Weniger reizvoll ist, dass man dabei auch Bekanntschaft mit Erregern machen kann, deren Namen man lieber nie erfahren möchte. Auch Leonie nahm sich zwei Tage Auszeit mit Fieber und Erbrechen. Und dann noch Lee und Amelie ... Beide schnitten sich beim Schnorcheln an Muscheln. Na ja, wir wissen ja nun, wie Wundversorgung funktioniert.
Trotz der gesundheitlichen Zwischenfälle hatten wir auf Koh Tao eine schöne Zeit.
Nach zwei Wochen bestiegen wir die Fähre, um nach Koh Phangan weiterzureisen – neue Insel, neues Glück.
Koh Phangan, Geisterhäuschen und die Holzklasse
Auf der Fähre nach Koh Phangan lernten wir eine deutsche Familie kennen. Ihre Tochter war etwas jünger als Amelie, und die beiden verstanden sich auf Anhieb.
Am nächsten Tag trafen wir uns mit der Familie wieder und fuhren gemeinsam zum Ko Ma Beach. Dort gingen wir schnorcheln und entdeckten große Korallen und zahlreiche Fische. Ähnlich wie auf Koh Tao war die Unterwasserwelt hier wirklich schön. Leider blieb es für uns auf Koh Phangan bei diesem einen richtig überzeugenden Schnorchelerlebnis. An anderen Stellen fanden wir vor allem trübes Wasser und viele abgestorbene Riffe. Die verbleibenden Korallenriffe stehen unter Druck, und es ist für uns und die Kinder wertvoll, eine Auswirkung der menschengemachten Klimaveränderungen hautnah zu erfahren.
Während unseres zweiwöchigen Aufenthalts auf Koh Phangan gönnten wir uns ein Resort, in dem wir eine eigene Küche hatten. Nach den Wochen in Hostels war das eine willkommene Abwechslung. Plötzlich konnten wir wieder selbst entscheiden, was auf den Tisch kommt. Besonders die Kinder freuten sich darüber. Manchmal muss es eben nicht das nächste exotische Curry sein. Manchmal ist die kulinarische Krönung einer Fernreise eine Kartoffel.
Auch das Frühstück konnten wir endlich wieder selbst zubereiten. Die Kinder freuten sich über ihr Müsli, und wir genossen es, morgens in Ruhe in den Tag zu starten. Es sind oft diese kleinen Dinge, die man auf einer langen Reise plötzlich wieder zu schätzen weiß. Zu Hause macht man sich über das tägliche Frühstück kaum Gedanken.
Der Verkehr auf Koh Phangan ist einschätzbar. Deshalb mieteten wir uns für die Zeit auf der Insel zwei Motorroller. So konnten wir sehr flexibel die Insel erkunden und uns treiben lassen.
Dabei fiel uns auf, wie viel auf Koh Phangan gebaut wird. Neue Unterkünfte, neue Resorts, neue Häuser ... jedoch alles durch kluge Gesetzgebung weiterhin in thailändischer Hand. Auf den Baustellen arbeiteten häufig billige Arbeitskräfte aus Myanmar und Kambodscha. Die Arbeitsmigration aus den Nachbarländern ist in Thailand allgegenwärtig.
Überhaupt begegneten uns auf Koh Phangan wieder viele Dinge, die uns schon im übrigen Thailand aufgefallen waren. Zum Beispiel die kleinen Geisterhäuschen vor Häusern und Geschäften. Diese Häuschen stehen vielerorts auf Grundstücken und sollen nach thailändischem Glauben Geistern einen Platz bieten und Schutz sowie Glück für die Bewohner bringen. Die genauen Formen und Traditionen unterscheiden sich. Für uns war es spannend, diese religiösen und kulturellen Elemente immer wieder im Alltag zu entdecken – nicht nur in Tempeln, sondern direkt vor einem Geschäft, neben einem Neubau oder am Rand einer Straße. Manchmal stand dort eine Flasche mit einer Flüssigkeit, manchmal lagen kleine Opfergaben bereit, manchmal flatterten bunte Bänder im Wind. Während bei uns zu Hause vielleicht ein Blumentopf vor der Haustür steht, kümmert man sich hier auch um die unsichtbaren Mitbewohner. Man möchte schließlich, dass alle gut miteinander auskommen – auch diejenigen, die man nicht sehen kann.
Eines unserer anstrengenderen Abenteuer war unsere Dschungelwanderung zum Bottle Beach. Es ging über einen Berg durch den Urwald. Der Bottle Beach liegt abgelegen an der Nordküste und ist gerade deshalb ein Ziel für Menschen, die eine etwas wildere Seite der Insel erleben möchten.
Bei Leonie machte sich bemerkbar, dass sie sich nach ihrer Krankheit noch nicht vollständig erholt hatte. Man kann sich unterwegs noch so viele tolle Abenteuer vornehmen – der Körper hat gelegentlich eine andere Tagesordnung.
Koh Tao und Koh Phangan sind Orte, wo Touristen kommen und gehen und wo eine zahlenmäßig unterlegene Menge von Einheimischen diesen Massen einen organisatorischen Rahmen gibt. Die tolle Natur macht diese beiden Inseln zu etwas Besonderem. Gleichzeitig wird man – vor allem auf Koh Tao – wenig landestypische Kultur entdecken. In Thailand und gerade auf den Inseln begegneten wir vielen israelischen Reisenden. Thailand ist für zahlreiche Israelis ein beliebtes Reiseziel, insbesondere auch für junge Menschen, die sich nach ihrem Militärdienst eine längere Auszeit nehmen.
Insgesamt hatten wir öfters den Eindruck, dass sich eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Tourismus breitgemacht hatte. In manchen Bars wirkte die Stimmung eher so, als sei die Begeisterung für die nächste Bestellung überschaubar.
Ein lehrreiches Ereignis auf Koh Phangan war unser Thai-Kochkurs. Wir bereiteten unter anderem Green Curry zu und durften selbst Currypasten herstellen.
Es war interessant, die wichtigsten Zutaten kennenzulernen, Zusammensetzungen zu verstehen und schließlich unter der Anleitung einer sehr kompetenten Fachfrau die Currypaste und drei Gerichte selbst zuzubereiten. Das war sicherlich nicht unser letzter Familienkochkurs. Mit etwas Glück wird es uns gelingen, den Geschmack Thailands auch in unsere heimische Küche zu holen.
Eigentlich wollten wir Koh Phangan nach zwei Wochen Richtung Festland mit der Fähre verlassen. Doch dann machten uns die Wetterbedingungen einen Strich durch die Rechnung. Auf dem Festland und im Golf von Thailand hatte es kräftig geregnet, und Wind und Wellengang wurden zunehmend stärker. Auch die Überschwemmungen auf dem Festland behielten wir im Auge. Abenteuer ist schön, Wagnis interessant, Risiko dumm. Deswegen beschlossen wir, unseren Aufenthalt in der schönen Ferienwohnung um drei Tage zu verlängern.
Schließlich ging es mit der Fähre zurück nach Chumphon. Dort verbrachten wir noch eine Nacht in einem Hotel, das wir garantiert nicht in unsere persönliche Sammlung empfehlenswerter Unterkünfte aufnehmen werden. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Prachuap Khiri Khan. Die thailändischen Züge sind im Vergleich zu vielen europäischen Bahnreisen ausgesprochen günstig und in der zweiten Klasse gut nutzbar. Die dritte Klasse ist eine Herausforderung, die wir auf dieser Strecke nicht wählten.
Prachuap Khiri Khan war für uns ein angenehmer Zwischenstopp. Die Stadt liegt direkt am Golf von Thailand und ist bekannt für ihre drei Buchten: Ao Prachuap, Ao Manao und Ao Noi. Deswegen wird sie auch als „City of Three Bays“ bezeichnet. Richtung Westen erheben sich die Berge, hinter denen Myanmar liegt. In Prachuap herrscht eine entspannte Küstenatmosphäre: Tempel, Märkte und die Gelegenheit, einfach durch die Stadt zu laufen und das alltägliche Leben zu beobachten.
Eines unserer Ziele war der Khao Chong Krachok, ein Kalksteinberg mitten in der Stadt. Auf seinem Gipfel befindet sich ein Tempel. Der Aufstieg führt über genau 396 Stufen und beginnt mit einer für uns ungewöhnlichen und gleichzeitig irritierenden Aktion: Jeder Besucher bewaffnet sich mit einem Stock aus einer Kiste. Dieser soll helfen, die dort sehr aufdringlichen Affen in Schach zu halten. Gegen die Moskitos konnten wir ihn leider nicht einsetzen. Oben angekommen, war das T-Shirt vollends durchgeschwitzt. Dafür wird man mit einem weiten Blick über die Stadt, das Meer und die drei Buchten belohnt.
Wir besuchten weitere Tempel und schlenderten über den Nachtmarkt. Besonders die vielen Früchte hatten es uns angetan. Wir testeten unterwegs immer wieder Sorten, die wir noch nicht kannten, und entdeckten dabei ständig neue Geschmäcker.
Und dann gab es noch unsere erste Massage direkt am Straßenrand. Man sitzt oder liegt irgendwo zwischen Alltag und Straßenverkehr und lässt sich durchkneten. Und das für 100 Baht (2,67 Euro) pro halbe Stunde. Leonie und den Kindern hat's gefallen, Lee sucht im Kleingedruckten der Krankenversicherungspolice noch immer nach Möglichkeiten, die nötigen Nachbehandlungen durch einen Orthopäden finanziert zu bekommen.
Leider gab es in Prachuap Khiri Khan auch eine Situation, die uns noch lange beschäftigen sollte. Neo musste in unserem Resort beobachten, wie Mitarbeiter der Anlage ein Eichhörnchen fingen und im Käfig ertränkten. Für ihn war das natürlich ein schreckliches Erlebnis – und auch für uns als Eltern war es schwer, damit umzugehen. Wir versuchen, unseren Kindern zu vermitteln, dass Tiere genauso wertvolle und empfindsame Lebewesen sind, denen man stets mit Respekt begegnen soll.
Solche Erlebnisse gehören zu den schwierigen Seiten. Man kann Kindern die Welt zeigen, ihnen Natur, Kultur und fremde Lebensweisen näherbringen. Man kann mit ihnen über Unterschiede sprechen und gemeinsam staunen. Aber man kann sie nicht vor allem schützen, was ihnen begegnet ... und manchmal gibt es keine einfache Erklärung, die das Erlebte weniger schlimm macht. Wir sprachen mit der Hotelleitung über die Möglichkeit, die Tiere zu fangen und umzusiedeln. Es wurde uns versichert, dass dies auch eigentlich der reguläre Umgang mit den unerwünschten Tieren im Resort sei ... hoffentlich.
Nach sechs Nächten in Prachuap Khiri Khan hieß es zum einen: Herbstferien! Ebenso wie die Kinder in Deutschland haben auch Neo und Amelie zwei Wochen Schulfrei. Zum anderen hieß es auch: Sachen packen, Rucksäcke schultern und weiterziehen. Unser nächstes Ziel war Ayutthaya, die alte Königsstadt nördlich von Bangkok. Dafür entschieden wir uns für eine Fahrt mit dem Zug in der dritten Klasse. Jetzt ist uns auch klar, warum man umgangssprachlich den Begriff „Holzklasse“ nutzt – sehr passend. Dafür ist sie sehr günstig, und es gibt unterwegs viel zu beobachten. Züge sind für uns ohnehin eine schöne Art zu reisen: Man sitzt zusammen, schaut aus dem Fenster und bekommt mit, wie sich die Landschaft verändert. Auf längeren Strecken weiß man auch die Bewegungsfreiheit zu schätzen.
Ayutthaya und Phitsanulok – zwischen Weltgeschichte und bröckelndem Freizeitvergnügen
In Ayutthaya tauchten wir ein in die Geschichte Thailands. Die Stadt wurde 1350 gegründet und war über 400 Jahre lang die Hauptstadt des Königreichs Siam. Damals entwickelte sie sich zu einer der bedeutendsten Handelsmetropolen Asiens, in der Händler und Gesandte aus aller Welt ein- und ausgingen. 1767 wurde Ayutthaya von der birmanischen Armee erobert und weitgehend zerstört. Die Hauptstadt wurde später nach Bangkok verlegt, während die Ruinen der einst so prächtigen Stadt bis heute von ihrer bewegten Vergangenheit erzählen. Seit 1991 gehört Ayutthaya zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Besonders beeindruckend fanden wir die weitläufigen Tempelanlagen mit ihren gewaltigen Türmen, alten Buddha-Statuen und den zahlreichen Überresten längst vergangener Zeiten. Was uns dabei auffiel: Nach den prachtvollen, oft weiß oder golden verzierten Tempeln, die wir bisher in Thailand gesehen hatten, standen wir plötzlich vor riesigen Backsteinruinen. Rote Ziegel, verwitterte Mauern und zerfallene Türme – eine ganz andere Atmosphäre, aber gerade deshalb unglaublich faszinierend.
Natürlich durfte auch der berühmte Wat Mahathat nicht fehlen. Dort befindet sich der Buddha-Kopf, der von den Wurzeln eines Baumes umschlungen wird und inzwischen zu einem der bekanntesten Fotomotive Thailands geworden ist. Zwischen den alten Mauern und Buddha-Statuen gab es für uns aber noch viel mehr zu entdecken. Die weitläufigen Anlagen waren von saftigem Grün durchzogen. Nach den vielen Regenfällen der vergangenen Wochen leuchteten die Wiesen und Bäume geradezu. Alte Backsteinruinen, grüne Rasenflächen und tropische Pflanzen ergaben eine Kulisse, in der wir uns gerne aufhielten und mit den Kindern eine schöne Zeit verbrachten.
Auch die Überschwemmungen, vor denen wir uns im Vorfeld durchaus Gedanken gemacht hatten, hielten sich in Ayutthaya glücklicherweise in Grenzen. Das Hochwasser war vor allem direkt am Flussufer zu sehen. Wir konnten also aufatmen und unsere Zeit dort genießen, ohne ständig überlegen zu müssen, ob uns gleich das Wasser entgegenkommt.
Nach so vielen Tempeln und historischen Eindrücken wurde es allerdings Zeit für etwas Abwechslung. Und was bietet sich dafür besser an als ein Einkaufszentrum? Wir waren schon eine ganze Weile in keinem mehr gewesen, und die Kinder freuten sich über den kleinen Ausflug in eine klimatisierte Welt aus Geschäften, Restaurants und Unterhaltung. In einer Spielewelt durften sie ein paar Baht an den Automaten verspielen. Außerdem gab es noch eine Art Autoscooter, der zwar nicht unbedingt mit den großen Fahrgeschäften auf deutschen Volksfesten mithalten konnte, bei den Kindern aber trotzdem für ordentlich Begeisterung sorgte. Manchmal braucht es eben keine spektakulären Sehenswürdigkeiten, sondern einfach ein paar Runden im kleinen Elektroauto und ein bisschen Spielbudenbudget.
Nach drei Nächten hieß es für uns dann Rucksäcke packen und weiterziehen. Unser nächstes Ziel war Phitsanulok. Eigentlich war die Stadt gar nicht für einen längeren Aufenthalt geplant. Da wir aber keine passende Zugverbindung nach Chiang Mai für den nächsten Tag bekommen hatten, legten wir hier einen Zwischenstopp von drei Nächten ein. Wir reisten mit einem privaten Fahrer an und freuten uns darauf, die Gegend ein wenig zu erkunden. Und wieder haben wir etwas gelernt: Zugtickets für den „Special Express“ sind sehr begehrt und sollten bereits mehrere Wochen vor Abreise gekauft werden ... Check!
Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnten: Phitsanulok sollte uns nicht nur mit Tempeln, sondern auch mit einigen ganz besonderen Freizeitattraktionen in Erinnerung bleiben. Zunächst besuchten wir einen Wasserrutschenpark. Und mit „in die Jahre gekommen“ meinen wir nicht, dass die Farben etwas verblasst waren oder hier und da ein bisschen Farbe abblätterte. Nein, dieser Park hatte offenbar schon eine längere Geschichte hinter sich – und zwar eine, in der die Instandhaltung irgendwann nicht mehr die Hauptrolle gespielt hatte.
In Deutschland wäre die Anlage sicher schon vor vielen Jahren geschlossen worden. Hier dagegen lief der Betrieb heiter weiter. Besucher waren kaum zu sehen, und wir verspürten den Wunsch, die Attraktionen persönlich penibel zu inspizieren, bevor die Kinder sie benutzen durften. Dabei verletzte sich Lee am Zeh ... Unglaublich, diese „Wasserparkruine“!
Mit einer guten Portion Humor und viel Vorsicht wurde auch dieser Ausflug zu einem Erlebnis, über das wir im Nachhinein schmunzeln konnten.
Am nächsten Tag stand ein Tempelbesuch auf dem Programm. Wir erkundeten erneut eine größere Tempelanlage, bevor wir den Kindern noch etwas Action gönnen wollten. Schließlich sollte Phitsanulok nicht nur aus alten Mauern und religiösen Bauwerken bestehen. Also suchten wir einen Adventure Park auf – in der Hoffnung, diesmal eine etwas gepflegtere Freizeitanlage vorzufinden.
Tja ... sagen wir es so: Auch dieser Park hatte seine besten Zeiten ganz offensichtlich hinter sich. Immerhin gab es noch eine Paintball-Station, und dann durften die Kinder in einem großen, durchsichtigen Plastikreifen (Water Walking Ball) auf dem Wasser herumrollen. Der kümmerliche Rest dieses Parks, der aus nicht mehr nutzbaren Geräten bestand, erinnerte aber mehr an „Verstehen Sie Spaß?“, und wir waren geneigt zu glauben, dass Kurt Felix jeden Augenblick hinter einem Busch vorspringen könnte. Einen Unterhaltungsfaktor hatte das Ganze also trotzdem. So hatten die Kinder am Ende doch ihren Spaß. Manchmal ist gerade das leicht Absurde das, woran man sich später am besten erinnert.
Eine weitere kleine kulinarische Überraschung hielt Phitsanulok für uns bereit. Wir entdeckten tatsächlich ein Schweizer Restaurant! Für Neo gab es dort Würstchen mit Spätzle.
Nach drei Nächten war unser Zwischenstopp schließlich vorbei. Wir stiegen wieder in den Zug, diesmal in die zweite Klasse, und machten uns auf die rund sechsstündige Fahrt nach Chiang Mai.
Wir planen, wir recherchieren, wir überlegen uns, was wir mit den Kindern erleben wollen – und am Ende kommt es doch oft anders als gedacht. Manchmal finden wir Orte, die uns tief beeindrucken. Manchmal landen wir in Freizeitparks, bei denen wir uns fragen, ob wir gerade die letzten Gäste vor der endgültigen Schließung sind. Aber langweilig wird es uns jedenfalls nicht.
Chiang Mai – fünf wunderschöne Tage zwischen Dschungel, Tempeln und Stadtleben
Nach sechs Stunden Zugfahrt erreichten wir Chiang Mai und diesmal hatten wir sogar eine weitere Freiheit. Die Kinder sind noch in den hessischen Herbstferien! Also auch für Amelie und Neo keine Schulbücher, keine Lernwörter, keine Matheaufgaben. Stattdessen konnten wir den ganzen Tag gemeinsam unterwegs sein, ohne am Vormittag erst einmal das mobile Klassenzimmer aufbauen zu müssen.
Chiang Mai gefiel uns vom ersten Moment an. Die Stadt ist deutlich entspannter als Bangkok, der Verkehr wesentlich angenehmer und die Wege sind kürzer. Man kommt mit Bolt schnell von einem Ort zum anderen, und vor allem ist man in kürzester Zeit mitten im Grünen. Genau das lieben wir: ein bisschen Stadtleben, ein bisschen Kultur und dann möglichst schnell wieder raus in die Natur.
Und davon hat Chiang Mai wirklich jede Menge zu bieten. Einer unserer ersten Ausflüge führte uns etwa 50 Kilometer nördlich von Chiang Mai zu den berühmten Bua Tong Waterfalls, auch bekannt als Sticky Waterfalls. Das Besondere an diesen Wasserfällen ist, dass ihre hellen Kalksteinfelsen so griffig sind, dass man tatsächlich direkt im Wasserfall nach oben klettern kann, ohne ständig wegzurutschen. Das machte uns unglaublich viel Spaß! Wir kletterten, ließen uns vom Wasser bespritzen und genossen die herrliche Umgebung. Anschließend besuchten wir noch die Quelle, aus der das Wasser des Wasserfalls entspringt. Alles war von dichtem, wunderschön vielfältigem Grün umgeben.
Dschungelgebiete faszinieren uns, und jeder Pfad hindurch ist ein belebendes Erlebnis. Dieser unglaublich vielfältige Lebensraum mit Pflanzen auf allen Ebenen, riesigen Bäumen, Lianen und einer üppigen Vegetation lässt uns immer wieder staunen. Es ist einfach erstaunlich, wie viel Leben sich auf engstem Raum in einem tropischen Wald entfaltet.
Und dann ging es hoch hinaus: Wir schwebten mit Ziplines über das Blätterdach des Dschungels. Von oben sieht die Welt plötzlich ganz anders aus. Unter uns das dichte Grün, überall verschiedene Baumkronen und dazwischen immer wieder Ausblicke in die Landschaft. Ein richtig tolles Erlebnis, das uns allen großen Spaß machte.
Als wäre das noch nicht genug gewesen, waren wir anschließend auch noch mit Quads unterwegs. Wir fuhren durch die Natur und hatten jede Menge Freude an diesem kleinen Abenteuer. Neo durfte selbst fahren, was pures Glück für ihn bedeutete. Bei solchen Aktivitäten merken wir immer wieder, wie gut uns diese Mischung aus Bewegung, Natur und gemeinsamen Erlebnissen tut.
Neben den Naturerlebnissen nahmen wir uns natürlich auch Zeit für die Stadt selbst. Wir schlenderten durch die Gassen und schauten, was es zu entdecken gab. Die Kinder durften sich hier und da eine Kleinigkeit aussuchen, und Leonie und Amelie gönnten sich Henna-Tattoos.
Chiang Mai ist lebendig, aber nicht so hektisch wie Bangkok. Es gibt viel zu sehen, ohne dass man ständig das Gefühl hat, sich durch eine endlose Menschenmenge kämpfen zu müssen.
Ein ganz besonderer Teil des Stadtlebens spielt sich schon früh am Morgen ab. Dann begegnet man buddhistischen Mönchen in ihren orangefarbenen Roben, die schweigend und oft barfuß durch die Straßen gehen. Sie sammeln dabei Essensspenden von den Menschen, die am Straßenrand auf sie warten. Diese Tradition nennt sich Tak Bat und ist ein wichtiger Bestandteil des buddhistischen Alltags in Thailand. Die Gläubigen geben den Mönchen beispielsweise Reis, Obst oder andere Lebensmittel in ihre Almosenschalen. Für die Mönche ist das eine Möglichkeit, ihre tägliche Nahrung zu erhalten. Für die Menschen, die etwas geben, ist es zugleich eine religiöse Handlung, mit der sie Gutes tun und Verdienste erwerben möchten.
Was uns daran besonders gefällt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese Tradition zum Alltag gehört. Während andere Menschen auf dem Weg zur Arbeit sind oder ihre Geschäfte vorbereiten, findet dieses Ritual ganz ruhig am Straßenrand statt. Es ist kein Schauspiel, das extra für Besucher aufgeführt wird, sondern gelebter Glaube.
Es sind solche Begegnungen, die uns auf Reisen immer wieder daran erinnern, dass man ein Land nicht nur über seine Sehenswürdigkeiten kennenlernt, sondern vor allem über die Menschen und ihre Gewohnheiten.
Natürlich durften gerade für Leonie die Tempel wieder nicht fehlen.
Der Tempel Wat Pha Lat liegt am Hang des Doi Suthep mitten im Wald, mit kleinen Wasserläufen, moosbewachsenen Steinen und Buddha-Statuen zwischen den Bäumen. Dieser Ort hatte eine ganz besondere Atmosphäre. Während die städtischen Tempel oft von Straßen, Geschäften und geschäftigem Treiben umgeben sind, fühlt es sich in einem Waldtempel an, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Zwischen alten Bäumen, verwitterten Mauern und buddhistischen Schreinen wird es ruhiger, und man bekommt einen Eindruck davon, wie eng Spiritualität und Natur in Thailand miteinander verbunden sind.
Wir mögen solche Orte besonders, weil sie nicht nur schön anzusehen sind, sondern auch Raum lassen, um einfach einmal durchzuatmen. Und davon können wir auf einer Reise mit zwei Kindern, bei der eigentlich immer irgendjemand etwas möchte, durchaus gelegentlich Gebrauch machen.
Ein völlig anderes Erlebnis erwartete uns beim Besuch des lauten American Flair Festivals. Der Hintergrund der Veranstaltung war das 250-jährige Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli 1776 verabschiedet wurde. Obwohl der eigentliche amerikanische Nationalfeiertag im Juli liegt, fanden im Rahmen dieses besonderen Jubiläums auch im Oktober Veranstaltungen in Thailand statt. Für uns war es spannend und seltsam, dieses Stück amerikanischer Kultur ausgerechnet in einem Park in Chiang Mai zu erleben. Egal, die Kinder hatten Spaß an den Schießbuden, bastelten, bestaunten Heißluftballone und spielten abends Fußball mit thailändischen Kindern.
Auch unsere Unterkunft mit dem Slogan „less is more“ trug dazu bei, dass wir Chiang Mai in sehr guter Erinnerung behalten werden. Das Personal war wieder einmal unglaublich freundlich. Immer wieder bekamen Amelie und Neo herzliche Aufmerksamkeit, manchmal sogar frisch gebackenen Kuchen. Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit, macht aber im Reisealltag einen großen Unterschied. Wenn man mit Kindern unterwegs ist, freut man sich über Menschen, die ihnen offen und herzlich begegnen und ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein.
Insgesamt hat uns Chiang Mai wirklich, wirklich gut gefallen. Für uns ist das die ideale Mischung. Wir mögen Städte, in denen es etwas zu entdecken gibt, die aber nicht den ganzen Tag unsere Aufmerksamkeit fordern. Orte, an denen wir morgens durch Gassen schlendern, nachmittags im Dschungel unterwegs sein und abends gemütlich essen gehen können.
Chiang Mai hat uns genau das geboten. Und obwohl die Stadt natürlich längst kein Geheimtipp mehr ist und viele Reisende hierherkommen, fühlte sich unser Aufenthalt insgesamt weniger touristisch und hektisch an als in Bangkok. Wir konnten uns treiben lassen, spontan etwas unternehmen und hatten das Gefühl, die Stadt in unserem eigenen Tempo entdecken zu können.
Nun mussten wir Abschied nehmen und die Rucksäcke packen. Acht Wochen Thailand neigen sich dem Ende zu, und wir machen uns auf Richtung Grenze. Wir fahren zunächst etwa sechs Stunden mit dem Zug zurück nach Phitsanulok. Dort legen wir eine Zwischenübernachtung ein, bevor es am nächsten Tag mit dem Bus weiter nach Khon Kaen geht. Von dort wollen wir mit dem Zug nach Nong Khai reisen und anschließend über die Grenze nach Laos.
Wir sind gespannt. Schon jetzt haben wir den Eindruck, dass es dort noch ursprünglicher und weniger touristisch zugehen könnte als in Thailand. Ob sich das bewahrheitet, werden wir bald herausfinden.